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Freelaxx - Impulse to go

Freelaxx - Impulse to go


Montag: Gebunden, geknotet, unfrei
 
Ziel:
Die Minis machen sich mithilfe des Symbols des Knotens Gedanken darüber, was sie in ihrem Leben bindet und daran hindert, frei zu handeln.
 
Ablauf:
Erkläre deiner Gruppe die symbolische Deutung des Knotens:
Das Symbol des Knotens erinnert uns an feste Verbindungen und Verknüpfungen. Ein Knoten hält lange, kann enorme Belastungen aushalten und ist ausschlaggebend dafür, dass Konstruktionen und Bauten entsprechend gehalten werden. Als Knoten kann man auch die Beziehung zu unseren Mitmenschen, zu Freunden und zur Familie beschreiben, die uns hält und uns Kraft und Stärke auf unserem Weg gibt.
 
Dennoch erleben wir in unserem Leben auch immer wieder Momente, in denen wir zu fest verknotet und in unserer Freiheit eingeschränkt und unfrei sind. Besonders negative Erlebnisse mit unseren Mitmenschen gehen uns oft tagelang nach und belasten uns und unsere Freundschaften. Ebenso machen wir uns immer öfter abhängig von materiellen Dingen, binden uns an sie und lassen uns von ihnen im Alltag bestimmen.
 
Gib deiner Gruppe mit folgenden Impulsfragen etwas Zeit zum Nachdenken und zum Austausch in Kleingruppen:
- Wo bin ich gebunden? Wo bin ich in meiner Freiheit und meiner Entfaltung eingeengt?
- Welche Bindungen schränken mich ein und welche Rolle spielen sie in meinem Leben?
- Welche Beziehungen halten mich fest und belasten mich?
 
Führe die Übung „Der Gordische Knoten“ mit der Gruppe durch:
Die Minis bilden einen Kreis. Alle schließen die Augen und strecken die Arme nach vorne aus.
Die Minis gehen aufeinander zu. Jeder greift nun nach zwei anderen Händen und hält sie fest.
Die Augen werden wieder geöffnet.
Die Aufgabe besteht nun darin, den so entstandenen „Knoten“ zu entwirren. Hierfür müssen die Minis über die Arme anderer Minis steigen oder darunter durchklettern ohne die Hände des anderen loszulassen.
 
Zum Abschluss der Übung kannst du die Erlebnisse deiner Gruppe kurz deuten:
Es wurde möglich, die Knoten durch Behutsamkeit, Kommunikation, Achtsamkeit und überlegtes Agieren zu lösen. Zudem zeigt uns die Übung, dass das Auflösen von einschnürenden Bindungen nicht zur Bindungslosigkeit führt, sondern: Wir bleiben verbunden, sind aber freier!
 
Methodenhinweis:
Plane auch den Misserfolg der Übung ein. Es kann vorkommen, dass der Knoten nicht vollständig gelöst werden kann. Wichtig ist jedoch immer, behutsam, ruhig und nicht mit Gewalt zu agieren.
 
Quelle: http://www.spielefuerviele.de/suchen/spiel.asp?referrer=11&s_id=32
 
 
Dienstag: Steine –was macht mich Unfrei?
 
Ziele:
Die Minis machen sich Gedanken darüber, was sie zur Zeit belastet und was sie in ihrer Lebendigkeit hindert.
 
Material:
Stein
 
Ablauf:
Geschichte „Steine und Federn“ vorlesen:
Zwei Wanderer waren gemeinsam unterwegs in den Bergen. Beide trugen große Rucksäcke auf ihrem Rücken, in denen sie all das aufbewahrten, was sie zum Leben brauchen. Zu Beginn ihrer Tour war der Weg noch eben. Er führte durch bunte Blumenwiesen, entlang an kleinen Bergbächen und immer wieder durch schmale Felsschluchten. Doch mit der Zeit wurde der Weg immer steiler und anspruchsvoller. Während der jüngere Bergsteiger zunehmend unter der Last seines Rucksackes zu leiden begann und das Gewicht kaum noch tragen konnte, ging es dem älteren Bergsteiger weiterhin gut. Geradezu tänzelnd überwand er Hindernisse und legte Meter für Meter zurück. Ihm schien sein großer Rucksack nichts auszumachen. Gegen Mittag kamen sie an eine Wiese mit wunderschönem Talblick. Der jüngere Wandere ließ sich erschöpft ins Graß sinken und nahm einen großen Schluck Wasser aus seiner Flasche. Sein Freund fragte ihn: „Was hast du denn in deinem Rucksack, dass du so schwer zu tragen hast?“ Als er wieder zu Atem gekommen war, antwortete er: „Mein Leben. All das, was mir wichtig ist, was ich immer mit mir mittrage. Die Dinge, die mich ausmachen und mich prägen.“ Er öffnete langsam den Rucksack. „Der ist ja voller Steine!“ rief der andere entsetzt aus. „Natürlich!“, erwiderte der jüngere, „Jeder der Steine steht für ein ganz bestimmtes Ereignis in meinem Leben, jeder ist auf seine Art ein Meilenstein.“ Er begann Stein für Stein aus seinem Rucksack herauszuholen. „Schau, dieser Stein steht für die 8. Schulklasse, die ich wiederholen musste. Der nächste Stein steht für den Arm, den ich mir beim Fußballspielen gebrochen habe. Der Stein steht für einen Autounfall und dieser große für den Tod meiner Großmutter. Ach und dieser Stein…“ „Stopp!“ Ruft der andere Wanderer dazwischen. „Das sind ja alles traurige oder schwere Ereignisse. Hast du nichts in deinem Rucksack, dass dich froh und frei macht?“ „Doch warte kurz“, meinte der jüngere, „da müsste auch etwas drin sein.“ Er begann weitere Steine aus dem Rucksack hinaus zu räumen und entdeckt ganz unten ein paar zerquetsche Federn, aber es fiel ihm einfach nicht mehr ein, für was die Federn standen. Das Ganze war ihm peinlich, er schloss den Rucksack wieder und fragte seinen erfahreneren Kollegen: „Was ist denn in deinem Rucksack? Warum leidest du nicht unter seinem Gewicht?“ Da fängt auch er an, seinen Rucksack zu öffnen und lies den jüngeren einen Blick hinein werfen: Er ist voller Federn, kein einziger Stein ist darin zu erkennen. „Weist du“, erklärte der Wanderer, „mein Rucksack ist leicht, weil ich darin nur schöne Erinnerungen sammel. Ich behalte nur das darin, das mich frei macht, das mir Freude bereitet und mir immer wieder Lebensfreude schenkt. Wenn sich mal ein Stein hinein verirrt, dann nehme ich mir die Zeit, suche ihn heraus und werfe ihn so weit wie ich kann von mir weg.“ Kaum hatte er fertig gesprochen, begann der jüngere seine Steine einzeln auszusortieren. Er merkte, wie mit jedem Stein, den er beiseitelegte, auch sein Herz leichter wurde und je leichter sein Herz wurde, desto mehr freute er sich darauf, weiter zu ziehen. Als kein Stein mehr in seinem Rucksack war, schloss er ihn, setzte ihn auf und ging weiter den Berg hinauf. Nun fiel auch ihm das Wandern leicht und kein Anstieg war zu schwer, so dass die beiden Wanderer mühelos den Gipfel erreichten.
Jeder Mini darf nun reihum den Stein in die Hand nehmen und sagen, was ihn belastet, was ihn unfrei macht und was er gerne loslassen möchte
Der Stein kann im Anschluss im Fluss, in einem See oder einem Feld symbolisch weggeworfen werden.
 
Autorin: Michaela Schwert
 
 
Mittwoch: Sei so frei!
 
Ziele:
 
Die Minis erfahren, wie Zivilcourage im Kleinen im Alltag aussehen kann. Sie machen sich Gedanken darüber, wo sie schon mal Zivilcourage erlebt haben und erfahren am eigenen Leib, was es bedeutet sich zu überwinden.
 
Ablauf:
 
Lese diese einführenden Worte zum Thema „Zivilcourage“ deiner Gruppe vor.
 
Wenn wir das Wort „Zivilcourage“ hören denken wir oftmals an U-Bahn-Schläger und Omas, denen ihre Handtasche auf offener Straße abgenommen wird. An Menschen, die keine Furcht zeigen und bereit sind durch ihren Einsatz für andere Nachteile zu erleiden.
Doch auch wenn es so scheint, als sei „Zivilcourage“ ein großes Wort, begegnet sie uns in unserem Alltag öfters als wir denken. Bei Zivilcourage geht es darum, sich für andere einzusetzen obwohl eigene Nachteile die Folge sein können und um den Einsatz für einen achtsamen Umgang mit anderen. Zivilcourage zu zeigen bedeutet Vorbild zu sein. Es gibt Menschen die haben Angst vor den Konsequenzen, wenn sie sich für andere einsetzten. Nicht nur für diese Menschen ist es wichtig, dass immer mehr Zivilcourage gezeigt wird und es dadurch immer mehr Vorbild gibt. Menschen die frei sind Gutes tun.
 
Lese nun die Impulsfragen deiner Gruppe vor. Mache nach jeder Frage eine kurze Pause, so dass Zeit zum Nachdenken bleibt.
 
- Wo hast du schon mal Zivilcourage in deinem Alltag erlebt?
 
- Hast du schon mal erlebt, dass einer deiner Klassenkammeraden ausgelacht wurde und sich jemand für ihn eingesetzt hat?
 
- Hast du schon mal einer alten Dame ein Platz in der Straßenbahn angeboten, obwohl es uncool sein könnte?
 
- Hast du schon mal erlebt, dass jemand seine eigene Schuld zugegeben hat, obwohl jemand anderes verdächtigt wurde?
 
Überleitung zur Übung:
 
Um Zivilcourage zeigen zu können, müssen wir vertrauen in uns selbst haben. Nur wenn wir uns selbst das richtige Handeln zutrauen, wir Selbstvertrauen haben, gelingt es uns Zivilcourage zu zeigen. Außerdem braucht es Mut und Überwindung sich für andere einzusetzen. Für jeden von uns ist der Grad der Überwindung unterschiedlich hoch. Um dieses Gefühl der Überwindung am eigenen Leibe zu spüren machen wir die folgende Übung.
 
 
Die Übung „das Pendel“ mit der Gruppe durchführen
 
Ein/e Teilmehmer/in stellt sich in die Mitte eines von den anderen Spielern gebildeten Kreises. Die Person in der Mitte schließt die Augen, überkreuzt die Arme vor der Brust und lässt sich steif wie ein Brett fallen. Die in dieser Richtung stehenden Teilnehmer fangen die Person mit nach vorn gestreckten Armen auf und schubsen sie dann sanft in eine andere Richtung. Am Anfang sollte die Fallstrecke sehr gering sein. Mit zunehmender Spieldauer kann sie dann vergrößert werden, indem der Kreis größer gemacht wird. Nach etwa 2 Minuten kommt der nächste Spieler in die Mitte.
Wegen der Größe des Kreises ist diese Übung für Gruppen zwischen 8-18 Personen. Bei größeren Gruppen kann die Übung auch in mehreren Kleingruppen stattfinden.
 
Bei dieser Übung geht es viel um Achtsamkeit und Vertrauen den anderen gegenüber. Es muss vom Spielleiter darauf geachtet werden, dass kein wildes herumgeschubse entsteht. Die Person in der Mitte soll sich fallen lassen können, auf die anderen vertrauen können.
 
 
Donnerstag: „Frei – Darum ist es erlaubt, Gutes zu tun“
 
Ziele: Die Gruppe nimmt wahr, in welchen Alltagssituationen Gutes getan werden kann. Dabei liegt der Fokus darauf, was es bedeutet, andere Personen zu akzeptieren und Rücksicht auf diese zu nehmen.
Ablauf:
Einführung/evtl. der Gruppe vorlesen: Bisher haben wir uns in den Freelax-Impulsen vor allem damit beschäftigt, was es bedeutet, frei von etwas zu sein. Frei von etwas, das einschränkt und einengt, das in feste Bahnen zwängt. Heute schauen wir besonders darauf, was es bedeutet, frei für etwas zu sein. Dabei kommt das vollständige Motto der Romwallfahrt in den Blick:
  Frei – darum ist es erlaubt, Gutes zu tun.
-Jeder und jedem von uns ist klar, dass es richtig ist, Gutes zu tun. Oft stellen sich aber die Fragen: Wie kann ich selbst Gutes tun? Welche Möglichkeiten habe ich als einzelne Person, in alltäglichen Situationen Gutes zu tun?
-Heute wollen wir einmal bewusst darauf achten, in welchen alltäglichen Situationen jeder von uns etwas Gutes tun kann.
 
Nimm dir eine Minute Zeit und denke an verschiedene Situationen in deinem Alltag (z. B. in der Schule, im Verein, in der Familie, bei Freunden …).
Sind in diesen Situationen Personen dabei, die nicht so akzeptiert werden, wie sie sind? Gibt es Mitschüler, die von anderen gemobbt werden? Personen, die aus der Gruppe oder Gemeinschaft ausgeschlossen werden?
Nun überlege, wie du selbst mit diesen Personen umgehst. Meidest du sie? Bist du vielleicht selbst schon einmal ruppig oder gemein zu ihnen gewesen? Oder warst du selbst schon einmal in solch einer Situation?
 
Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es sich anfühlt, in solch einer Situation zu stecken, machen wir nun ein kleines Spiel:
Zuerst wird eine freiwillige Person gesucht. Die restliche Gruppe bildet nun einen engen Kreis, und jeder soll sich gut an den nebenstehenden Personen festhalten.
Die einzelne Person steht außerhalb des Kreises und versucht, in den Kreis zu gelangen. Die Gruppe versucht das zu verhindert, indem sich die Personen festhalten und die Lücken im Kreis schließen. Bei diesem Spiel darf nicht getreten, gekratzt oder gerissen werden.
Wenn es die einzelne Person geschafft hat in den Kreis zu gelangen, oder wenn der Versuch längere Zeit erfolglos bleibt, können die Rollen getauscht werden.
Nach einigen Runden trifft sich die ganze Gruppe wieder. Nun schildern die Minis, die außerhalb standen und versucht haben, Teil der Gruppe zu werden, wie sie diese Situation erlebt haben. Wie war das Gefühl, von der Gruppe ausgegrenzt gewesen zu sein?
 
Diesen Text kannst du deiner Gruppe vorlesen:
Sicher kennst du auch Situationen, in denen andere ausgegrenzt werden und es schwer haben, in eine bestehende Gruppe zu kommen. Solche Situationen kannst du täglich nahezu überall sehen.
Und genau in diesen Situationen findest du jeden Tag Möglichkeiten, Gutes zu tun.
Der erste Schritt, Gutes zu tun beginnt damit, andere Menschen zu akzeptieren und zu respektieren, wie sie sind. Aufeinander Rücksicht nehmen und aufeinander zugehen sind kleine Gesten im alltäglichen Leben, Gutes zu tun.
Ganz nach der goldenen Regel: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“
Wenn du versuchst, jeden Tag offen und mit Respekt auf andere zu zu gehen, wirst du schnell bemerken, wie sich die Personen in deiner Umgebung besser fühlen – und wie du dich selbst auch besser fühlst.
 
 
 
Freitag: Abendimpuls „Das Geschenk"
 
Ziele:
Dieser Impuls zeigt am Beispiel einer Geschichte, wie wichtig es ist, offen für kleine Dinge zu sein und wie man damit anderen eine große Freude bereiten kann. Die Gruppe beschäftigt sich anschließend mit den Themen „offen sein, Gutes zu tun“ und „kleine Freuden teilen“.
 
Ablauf:
Komm mit deiner Gruppe gegen Ende des Tages gemeinsam zur Ruhe.
Lese die Geschichte „Das Geschenk“ vor.
Teile anschließend den beiliegenden Faden mit einem Taschenmesser o.ä. In kurze Stücke, entsprechend der Anzahl der Teilnehmenden und überreiche jedem ein Stück des Fadens.
Lade die Minis ein, sich zu überlegen, wem sie gerne eine Stunde ihres Glücks schenken würden. Ob sie die Schnur tatsächlich jemandem schenken, bleibt den Minis überlassen. Statt die Schnur durch eine Münze zu fädeln, kann sie z.B. auch als Armband verwenden werden. Das Geschenk darf auch an andere weiter verschenkt werden.
Betet zum Abschluss das Wallfahrtsgebet.
 
Das Geschenk
Einmal habe ich eine Zeit lang in China gelebt. Ich war im Frühling in Shanghai angekommen und die Hitze war mörderisch. Die Kanäle stanken zum Himmel und immer war der ranzige, üble Geruch von Sojabohnenöl in der Luft. Ich konnte und konnte mich nicht eingewöhnen. Neben Wolkenkratzern lagen Lehmhütten, vor denen nackte Kinder im Schmutz spielten. Nachts zirpten die Zikaden im Garten und ließen mich nicht schlafen. Im Herbst kam der Taifun und der Regen stand wie eine gläserne Wand vor den Fenstern. Ich hatte Heimweh nach Europa. Da niemand da war, mit dem ich befreundet war und der sich darum kümmerte, wie mir zu Mute war, kam ich mir ganz verloren vor in dem Meer von fremden, gelben Gesichtern. Und dann kam Weihnachten. Ich wohnte bei Europäern, die chinesische Diener hatten. Der oberste von ihnen war der Koch, Ta-Tse-Fu, der große Herr der Küche. Er redete gebrochen deutsch und war der Dolmetscher zwischen mir und dem Zimmer-Kuli, dem Ofen-Kuli, dem Wäsche-Kuli und was es da eben sonst noch an Dienerschaft im Haus gab. Am heiligen Abend saß ich verheult in meinem Zimmer. Da überreichte mir der Ta-Tse-Fu ein Geschenk. Es war eine chinesische Silbermünze mit einem Loch in der Mitte, und durch das Loch waren viele bunte Wollfäden gezogen und dann zu einem Zopf zusammengeflochten. „Eine sehr alte Münze“, sagte der Koch sehr feierlich. „Und die Wollfäden gehört auch dir. Wollfäden sind von mir und mein Frau und vom Zimmer-Kuli und sein Schwester und von Eltern und von Brüder und von Ofen-Kuli – von uns allen sind die Wollfäden.“ Ich bedankte mich sehr. Es war ein merkwürdiges Geschenk – und noch viel merkwürdiger als ich zuerst dachte. Denn als ich die Münze mit ihrem bunten Wollzopf einem Bekannten zeigte, der seit Jahren in China lebte, erklärte er mir, was es damit für eine Bewandtnis hatte: Jeder Wollfaden war eine Stunde des Glücks.
„Willst du von dem Glück, das dir für dein Leben vorausbestimmt ist, eine Stunde des Glücks abtreten?“ Und Ofen-Kuli, Zimmer-Kuli und Wäsche-Kuli und ihre Verwandten hatten für mich, die fremde Europäerin, einen Wollfaden gegeben, als Zeichen, dass sie mir von ihrem Glück eine Stunde schenkten. Es war ein großes Opfer, das sie brachten. Denn wenn sie auch bereit waren, auf eine Stunde des Glücks zu meinen Gunsten zu verzichten, es lag nicht in ihrer Macht zu bestimmen, welche Stunde aus ihrem Leben es sein würde. Das Schicksal würde entscheiden, ob sie die Glücksstunde abtraten, in der ihnen ein reicher Verwandter sein Hab und Gut verschrieben hätte, oder ob es nur eine der vielen Stunden sein würde, in der sie glücklich beim Reiswein saßen, ob sie die Glücksstunde weg schenkten, in der das Auto, dass sie sonst überfahren hätte, noch rechtzeitig bremst – oder die Stunde, in der das junge Mädchen vermählt worden wäre. Blindlings und doch mit offenen Augen machten sie mir, der Fremden, einen Teil ihres Lebens zum Geschenk. Nun ja, die Chinesen sind abergläubisch. Aber ich habe nie wieder ein Weihnachtsgeschenk bekommen, das sich mit diesem hätte vergleichen lassen. Von diesem Tag an habe ich mich in China zu Hause gefühlt. Und die Münze mit dem bunten Wollzopf hat mich jahrelang begleitet.
Eines Tages lernte ich jemanden kennen, der war noch übler dran als ich damals in Shanghai. Und da habe ich einen Wollfaden genommen, ihn zu den anderen Fäden geknüpft und habe die Münze weitergegeben.
 
Eine Geschichte von Joe Lederer
Quelle: www.razyboard.com
     
 
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